UNIVERSITÄTSKLINIK FÜR NEUROLOGIE

  • 150820epileptologie

Epileptologie

Leitung

 Privatdozent Dr. med. Friedhelm C. Schmitt

 

Mitarbeiter

Schw. Andrea Goedecke
Schw. Heike Knape
Silke Schmidt (Aufnahmemanagement)

Doktoranden

cand. med. Ann Kitay
cand. med. Antonia Riegger
cand. med. Dominik Thuberg

 

Was ist unser Behandlungsspektrum

Der Fachbereich Epileptologie – als Bestandteil der Klinik für Neurologie – befasst sich mit der Diagnostik und Therapie von Anfallserkrankungen. In der Epilepsieambulanz werden Patienten mit anfallsartig auftretenden Erkrankungen untersucht, die jeweiligen erforderlichen diagnostischen Schritte in die Wege geleitet und entsprechende Behandlungsempfehlungen gegeben. Wenn dies notwendig ist, werden die Patienten dem stationären Bereich der Klinik für Neurologie, insbesondere dem Fachbereich Epileptologie zum Video-EEG-Monitoring, zugeführt.

Seit 2007 fanden in der Sprechstunde im Jahresdurchschnitt über 500 Patientenkontakte und über 200 individuelle Patienten mit steigender Tendenz statt. Die Patienten können von jedem niedergelassenen Nervenarzt und Neurologen in die Spezialambulanz zugewiesen werden. Es handelt sich sowohl um Patienten mit erstmaligem Auftreten einer anfallsartigen Störung, so dass als Differentialdiagnose ein epileptischer Anfall in Erwägung gezogen wurde, wie auch schwierig zu therapierende Epilepsiepatienten. Kontrollierte Verlaufsstudien mit großen Patientenkohorten haben gezeigt, dass etwas weniger als 40 % aller Epilepsiepatienten eine Anfallsfreiheit mittels Pharmakotherapie erreichen können (Kwan et al., 2000). Dies würde in Magdeburg bei einer geschätzten Inzidenz von 0,7 % (Hirtz et al., 2007) über 600 Patienten ergeben. Pharmakoresistenz ist also ein dominierendes Thema in der Epilepsie-Spezialambulanz.
Die für jeden Patienten individuellen Folgen ihrer Erkrankung stehen ebenfalls im Zentrum unserer Beachtung. Ganz allgemein bilden also sozialmedizinische Fragestellungen – z.B. die Erlaubnis zum Führen eines Kraftfahrzeuges – einen besonderen Schwerpunkt in der Beratung der Patienten. Auch findet eine individuelle Beratung von Frauen, die an Epilepsie erkrankt sind und schwanger geworden sind, statt. Des Weiteren wird für besondere Fragen im sozialen Bereich, z. B. Vor- und Nachteile eines Schwerbehindertenausweises, berufliche Förderungsmöglichkeiten oder die Initiierung einer epilepsiespezifischen Rehabilitationsmaßnahme, eine Beratung durch den Sozialdienst in die Wege geleitet.
Besonderer Wert wird auf die Kooperation mit den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen gelegt. Dazu zählen z. B. eine zeitnahe Befundübermittlung und - wenn gewünscht - ein sofortiger telefonischer Kontakt. Die Patienten oder/ und deren Angehörige können während der Öffnungszeiten (7:30 – 16:00 Uhr, werktags) die Epilepsieambulanz erreichen, um Befunde zu erfragen, unerwartete Veränderungen zu berichten oder z. B. die Medikation neu anzupassen.
Das elektrophysiologische Labor der Klinik hat vier EEG-/Polygraphie-Ableitsysteme und ein mobiles EEG-Ableitsystem zur Verfügung. Eine wesentliche Erweiterung der diagnostischen Möglichkeiten stellt die 2009 eingerichtete stationäre Video-EEG-Einheit (2-3 Betten) dar, die ein diagnostisches und prächirurgisches Video-EEG-Monitoring möglich macht. Hier sind sowohl die in der klinischen Routine übliche EEG-Oberfächen-Ableitung wie auch ggf. eine invasive Ableitung möglich. Neben Aussagen zur Anfallsfrequenz und -genese (fokale vs. idiopathische Epilepsie, nicht-epileptische-psychogene Anfälle) besteht der Schwerpunkt in schwer zu behandelnden, therapierefraktären Epilepsien, die ggf. mit einem minimal-invasivem Verfahren (Vagus-Nerv-Stimulation, Tiefe-Hirn-Stimulation, Thermoablation und Seed-Implantation) behandelt werden können. Dem Standard entsprechend werden eine epilepsiespezifische 3-Tesla-MRT-Diagnostik (einschl. post-processing), funktionelle MRT-Diagnostik, interiktales SPECT und PET und eine epilepsiespezifische neuropsychologische Testung durchgeführt.
In der Epilepsieambulanz sollen insbesondere die Patienten beraten werden, die potentielle Kandidaten für ein resektives oder minimal-invasives epilepsiechirurgisches Verfahren sind. Hierbei wird auf eine genaue Patientenauswahl aufgrund der im prächirurgischen Video-EEG-Monitoring erhobenen Befunde und einer patientenorientierten, individuellen Beratung besondere Sorgsamkeit gelegt: In der Zusammenschau aller Befunde und unter Berücksichtigung der individuellen prognostizierbaren Erfolgschancen kann dem Patienten entweder ein resektives Verfahren (dann in Kooperation mit den o.g. Epilepsiezentren), ein minimal-invasives Verfahren (in Kooperation mit der hiesigen Klinik für Stereotaktische Neurochirurgie) oder eben kein Verfahren angeboten werden. Alle in Deutschland zugelassenen minimal-invasiven Verfahren (transkutane oder minimal-invasive Vagus-Nerv-Stimulation, Tiefe-Hirn-Stimulation, Thermoablation, Seed-Implanation) sind verfügbar. Es existiert zudem eine gesonderte Neuromodulations-Spezialambulanz.  

Klinische Forschungsschwerpunkte

1. Tiefe Hirnstimulation

Seit Jahrzehnten ist die Tiefe-Hirn-Stimulation (THS) ein nebenwirkungsarmes und wirkungsvolles Therapieverfahren für Erkrankungen mit Bewegungsstörungen (Parkinsonerkrankung, Dystonie, Tic-Störungen etc.) etabliert. Wie zahlreiche Untersuchungen belegen, ist diese Operation ein sicheres und etabliertes Verfahren mit nur geringen Risiken für den Patienten (Voges et al 2006).

Die THS ist inzwischen auch ein sicheres minimal-invasives Verfahren für Patienten mit fokaler, phamakoresistenter Epilepsie (Fisher et al 2010; Schmitt & Voges et al 2014a; Schmitt & Voges et al 2014b); allerdings bleibt bisher unklar, welche Patienten genau von dem Verfahren profitieren werden. Der anteriore Thalamus ist der aktuell am besten bzgl. seiner klinischen Wirkung untersuchten Zielpunkt (Fisher et al 2010). Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass eine andere Struktur, der Nc. Accumbens (NAC), ebenfalls ein sicherer und wirksamer Zielpunkt zur neuromodulatorischen Behandlung fokaler Epilepsien sein könnte (Schmitt & Voges et al. 2014a; Schmitt & Voges et al. 2014b); eine weitere Spezifizierung der durch eine THS profitierende Epilepsiesyndrome steht aus und ist einer der Forschungsschwerpunkte der AG Epileptologie. Hierzu gibt es – neben der engen Kooperation mit dem Epilepsiezentrum Berlin-Brandenburg ebenfalls eine Zusammenarbeit mit dem Leibniz Institut für Neurobiologie, Magdeburg und der AG Klinische Netzwerkphysiologie der Universitätsklinik für Neurologie.  

2. Thermoablation

Die stereotaktische Thermoablation kann bei einzelnen, gut ausgewählten Patienten in der Epileptologie einen berechtigten Platz haben. Insbesondere bei Patienten, die einem standardisierten, resektiven Verfahren nicht zugänglich sind, bietet diese Methode die Vorteile einer wesentlich geringeren perioperativen Belastung, der Möglichkeit eines gestuften Vorgehens bei nicht kompletter Entfernung des anfallsauslösenden Gewebes (Wiederholung des Eingriffs) und der Möglichkeit einer einfachen peri- oder intra-operativen neurophysiologischen Ableitung.

Die Vorteile der minimalen Invasivität, insbesondere das im Vergleich zu resektiven Verfahren wesentlich geringere destruierte Hirnvolumen, macht umschriebene Netzwerkstörungen, die bildmorphologisch gut charakterisierbar sind (z.B. Heterotopien (Schmitt & Voges et al 2011) und fokale kortikale Dysplasien (Wellmer et al 2014)), besonders für die stereotaktische Thermoablation geeignet. (Schmitt et al 2014c) Die AG Epileptologie arbeitet unter anderem an der klinischen Standardisierung dieses Verfahrens und dem Vergleich mit bereits etablierten Verfahren.  

Weitere Projekte

  • Nicht-anfallsbezogene Konsequenzen der Tiefen Hirnstimulation (in Kooperation mit der AG Neuropsychologie und der AG Gedächtnis und Bewusstsein der Universitätsklinik für Neurologie, sowie dem Epilepsiezentrum Berlin-Brandenburg und dem Epilepsiezentrum Hamburg) (Staudigl et al 2012; Voges B & Schmitt et al 2014a; und die Epilepsy Study Group Hamburg 2013; Zaehle et al 2013)
  • Funktionelle Konnektivität subkortikaler Strukturen (in Kooperation mit der AG Klinische Neurophysiologie, AG Magnetresonanztomografie der Universitätsklinik für Neurologie und der Sektion für klinische und experimentelle Sinnesphysiologie der hiesigen Universitätsaugenklinik) (Kluge et al 2014; Schmitt & Kaufmann et al 2014)
  • Source-Localisation und andere neurophysiologische Verfahren als diagnostische Methode in der Epileptologie (in Kooperation mit dem Epilepsiezentrum Erlangen) (Rampp et al 2010; Mu et al 2014)
  • Visuelle Bildanalyse epileptischer Anfälle (in Kooperation mit dem Fraunhofer Institut für Fabrikbetrieb und – automatisierung in Magdeburg) (Mecke et al. in progress)
  • intravenöse Applikation von Antiepileptika (in Kooperation mit dem Epilepsiezentrum Erlangen) (Li et al 2013)
  • Langzeitverlauf medikamentöser und epilepsiechirurgischer Interventionen (in Kooperation mit dem Epilepsiezentrum Berlin-Brandenburg und dem Epilepsiezentrum Erlangen) (Meencke et al 2009; Mu et al 2014)
  • Medizinkulturelle Bedeutung der Epilepsie: z.B. Anfälle im Spiel – und Fernsehfilm (Schmitt und Besser 2001; Schmitt 2009)

Abbildung 1

Beispiel für Patient mit beidseitigen Anfallsursprung und daher potentieller Kandidat für THS

  1. 53 Jahre alt
  2. seit dem 4. Lebensjahr Temporallappenepilepsie
  3. anamnestsich bekannte Anfälle: epigastrische Auren, komplexfokale Anfälle und Grand mal
  4. nachgewiesene multiple Pharmakoresistenz
  5. im MRT: linksseitige Hippocampusatrophie (siehe oben)
Abbildung 2

EEG: links (fronto-)temporales-Anfallsmuster
Klinisch: epigastrische Aura -> komplex-fokalen Anfall

Abbildung 3

EEG: rechts (fronto-)temporales-Anfallsmuster
Klinisch: epigastrische Aura -> komplex-fokalen Anfall

 

150820ag_epileptologie
Arbeitsgruppe Epileptologie: (v.l.n.r.) cand. med. Harim Lee, Dipl.-Ing. Fabian Marquardt, cand. med. Ann Kitay, PD Dr. med. Friedhelm C. Schmitt

Kooperationen

  • Epilepsiezentrum Berlin-Brandenburg und Klinik für Neurologie, Charité - Universitätsmedizin Berlin, Prof. Dr. med. M. Holtkamp
  • Epilepsiezentrum Bielefeld-Bethel, Prof. Dr. med. C. Bien
  • Klinik für Epileptologie der Universität Bonn, Prof. Dr. med. C. E. Elger
  • Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsklinik Dresden, Prof. H. Reichmann
  • Epilepsiezentrum der Universität Erlangen, Prof. em. Dr. med. Dr. h. c. H. Stefan
  • Sächsisches Epilepsiezentrum Radeberg, Kleinwachau, Dr. med. T. Mayer
  • Epilepsiezentrum Hamburg, Dr. med. S. Stodieck

 

Ausgewählte Literatur

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Kowski AB, Voges J, Heinze H-J, Oltmanns F, Holtkamp M, Schmitt FC. Nucleus accumbens stimulation in partial epilepsy-A randomized controlled case series. Epilepsia. 2015 May 4;

Knieß T, Schmitt FC. Präklinisches Management und Therapie des epileptischen Anfalls und des Status epilepticus. Nervenheilkunde 2015;33(5):335–45.

Voges BM, Schmitt FC, Hamel W, House PM, Kluge C, Moll CKE, et al. Deep Brain Stimulation of Anterior Nucleus Thalami disrupts sleep in epilepsy patients. Epilepsia. 2015;in press.

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Schmitt FC, Buentjen L, Stefan H. Epilepsiechirurgie - Konzepte invasiver und minimal-invasiver Verfahren. Psychopharmakotherapie (PPT). 2014b;21(5):202–10.

Rampp S, Schmitt H, Heers M, Schönherr M, Schmitt FC, Hopfengärtner R, et al. Etomidate activates epileptic high frequency oscillations. Clinical Neurophysiology. 2014;125(2):223–30.

Pressler RM, Schmitt FC, Beniczky S, Aurlien H, Wolf P, Stefan H. Standardisierter computer-basiert-organisierter Report des EEG: Vorteile des „SCOREn“ am Beispiel des pädiatrischen EEG. Zeitschrift für Epileptologie. 2014 Mar 5.

Wellmer J, Kopitzki K, Voges J (2014) Lesion focused stereotactic thermo-coagulation of focal cortical dysplasia IIB: a new approach to epilepsy surgery? Seizure J Br Epilepsy Assoc 23:475–478.

Schmitt FC, Kaufmann J, Hoffmann M, et al (2014c) Case Report: Practicability of functionally based tractography of the optic radiation during presurgical epilepsy work up. Neurosci Lett 568:56–61.

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Kluge C, Marquardt F, Voges J, et al (2014) Ictal local fi eld potential recordings in anterior thalamus (ANT) and nucleus accumbens (NAC) in patients with temporal lobe epilepsy (TLE). Klin Neurophysiol 45:38.

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Voges B., Epilepsy Study Group Hamburg (2013) Effect of deep brain stimulation in Epilepsy on sleep qualitiy and sleep structure of the anterior nucleus thalamicus. Epilepsia Suppl. 3:286.

Li W, Stefan H, Matzen J, et al (2013) Rapid loading of intravenous lacosamide: efficacy and practicability during presurgical video-EEG monitoring. Epilepsia 54:75–80.

Staudigl T, Zaehle T, Voges J, et al (2012) Memory signals from the thalamus: early thalamocortical phase synchronization entrains gamma oscillations during long-term memory retrieval. Neuropsychologia 50:3519–3527.

Schmitt FC, Voges J, Buentjen L, et al (2011) Radiofrequency lesioning for epileptogenic periventricular nodular heterotopia: a rational approach. Epilepsia 52:e101–105.

Kwan P, Schachter SC, Brodie MJ (2011) Drug-resistant epilepsy. N Engl J Med 365:919–926. doi: 10.1056/NEJMra1004418

Rampp S, Kaltenhäuser M, Weigel D, et al (2010) MEG correlates of epileptic high gamma oscillations in invasive EEG. Epilepsia 51:1638–1642.

Fisher R, Salanova V, Witt T, et al (2010) Electrical stimulation of the anterior nucleus of thalamus for treatment of refractory epilepsy. Epilepsia 51:899–908.

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Universitätsklinik für Neurologie
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 Tel.: 0391-67-15031
 Fax: 0391-67-15032

Letzte Änderung: 26.11.2018 - Ansprechpartner:

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